Die systemische Ineffizienz von On-Demand-Verkehren: Eine ökonomische und regulatorische Analyse
Die systemische Ineffizienz von On-Demand-Verkehren: Eine ökonomische und regulatorische Analyse
Die Transformation des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) erfordert eine Abkehr von rein technologiegetriebenen Narrativen hin zu einer systemischen Betrachtung. Flexible Bedarfsverkehre (On-Demand-Systeme) werden oft als Patentlösung für den ländlichen Raum präsentiert. Eine wissenschaftliche Evaluation zeigt jedoch, dass diese Dienste ohne die notwendigen regulatorischen und infrastrukturellen Voraussetzungen weder ökologisch noch ökonomisch skalierbar sind.
1. Systemische Einordnung: Komplementarität statt Substitution
Ein effizientes ÖPNV-System basiert auf dem Hierarchieprinzip: Ein leistungsfähiges Rückgrat aus Schienen- und Taktverkehren bewältigt die Massenströme, während Zubringerdienste die „letzte Meile“ überbrücken. On-Demand-Verkehre scheitern oft daran, dass sie als Substitut (Ersatz) für Linienverkehre eingesetzt werden, statt als komplementärer Zubringer zu fungieren.
Ohne eine physische und tarifliche Integration in bestehende Knotenpunkte (Mobilitätsstationen) erzeugen diese Dienste isolierte Verkehre. Zudem zeigt die Praxis eine problematische Tarifstruktur: Viele Aufgabenträger erheben für On-Demand-Dienste einen „Komfortzuschlag“ auf den regulären VMT- oder Verbundtarif. Laut Analysen der KCW GmbH (Marktuntersuchung On-Demand-Verkehr) führt dieser Aufpreis dazu, dass die Dienste primär von einer zahlungskräftigen Klientel genutzt werden, während die soziale Funktion des ÖPNV als Grundversorgung erodiert. Dies untergräbt den systemischen Ansatz eines integrierten Gesamttarifs.
2. Die ökonomische Divergenz: Personalkosten und Fehlende Skaleneffekte
In der Betriebswirtschaft des ÖPNV ist die Personalkostenquote der entscheidende Faktor. Während der Linienverkehr durch hohe Bündelungskapazitäten die Kosten pro Fahrgast minimiert, weisen On-Demand-Verkehre eine extrem hohe Personalkostenintensität auf.
Solange ein Fahrer ein Fahrzeug mit geringer Kapazität (4-6 Plätze) steuert, das im Durchschnitt nur 1,2 bis 1,4 Fahrgäste befördert (Datenbasis: DLR-Institut für Verkehrsforschung), nähert sich das System ökonomisch dem Individualverkehr (Taxi) an. Die Subventionierung pro Fahrt liegt in vielen Pilotregionen bei über 20 bis 30 Euro, was in keinem Verhältnis zum volkswirtschaftlichen Nutzen steht. Ohne eine signifikante Erhöhung der Pooling-Quote bleibt der Betrieb eine dauerhafte Belastung für die kommunalen Haushalte, insbesondere nach Auslaufen zeitlich befristeter Fördermittel des Bundes.
3. Das autonome Fahren: Regulatorische Hemmnisse und Reformbedarf
Es herrscht wissenschaftlicher Konsens, dass On-Demand-Verkehre erst durch den Entfall der Personalkosten mittels autonomer Shuttles (Level 4) ökonomisch sinnvoll werden können. Deutschland hat mit dem Gesetz zum autonomen Fahren (StVG-Änderung 2021) zwar einen rechtlichen Rahmen geschaffen, doch die administrative Umsetzung hinkt hinterher.
Die Autonome Fahrzeuge-Genehmigungs- und Betriebsverordnung (AFGBV) legt hürdenreiche Genehmigungsprozesse fest, die den flächendeckenden Roll-out verhindern. Aus der Perspektive des Gesetzgebers und des Bundesministeriums für Digitales und Verkehr (BMDV) besteht dringender Handlungsbedarf:
4. Strategische Schlussfolgerungen: Der Weg nach vorn
Um den ÖPNV zukunftsfähig zu gestalten, muss die Politik von der „Pilotitis“ – der Aneinanderreihung zeitlich begrenzter Versuche – zu einer strategischen Gesamtplanung übergehen. Eine konsequente Lösung umfasst drei Säulen:
Ohne diese systemischen Korrekturen bleiben flexible Bedarfsverkehre das, was sie aktuell sind: eine teure Simulation von Modernität auf Kosten der fiskalischen Nachhaltigkeit.
Quellen:
KCW GmbH: On-Demand-Verkehr: Marktüberblick und Einordnung in den ÖPNV-Kontext.
DLR (Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt): Studie zur Effizienz von Pooling-Algorithmen im ländlichen Raum.
StVG / AFGBV: Gesetz zum autonomen Fahren und die zugehörige Durchführungsverordnung.
VDV-Statistik: Kostenstrukturanalyse im ÖPNV 2023/24.