Die Preiselastizität der Nachfrage ist ein zentrales Instrument, um die Wirkung von Tariferhöhungen im öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) zu verstehen. Sie zeigt, wie stark Fahrgäste auf Preisänderungen reagieren und ob eine Tariferhöhung tatsächlich zu höheren Einnahmen führt. Dieser Artikel erklärt die Preiselastizität im Nahverkehr, zeigt typische Werte und analysiert, welche Auswirkungen Tariferhöhungen haben. Bevor wir in die Thematik einsteigen, müssen zwei wichtige Begriffe erläutert werden:
Ist die Nachfrage nach ÖPNV‑Tickets elastisch oder unelastisch?
Die Preiselastizität im ÖPNV hängt stark vom Nutzungskontext ab. Je nach Tageszeit, Zweck der Fahrt und verfügbaren Alternativen kann die Nachfrage sowohl elastisch als auch unelastisch sein. Besonders relevant ist der Unterschied zwischen Haupt- und Nebenverkehrszeiten.
Hauptverkehrszeiten: unelastische Nachfrage
In den Hauptverkehrszeiten ist die Nachfrage nach ÖPNV‑Tickets typischerweise unelastisch. Pendlerinnen und Pendler müssen pünktlich zur Arbeit oder Schule — unabhängig vom Preis. Daher führt selbst eine deutliche Preissteigerung nur zu einer geringen Veränderung der Nachfrage.
Die unelastische Nachfragefunktion würde in etwa so aussehen:
Wie man klar erkennt, hat eine große Preisänderung (P alt zu P neu) nur eine kleine Mengenänderung (M alt zu M neu) zur Folge. Ursache dafür ist, dass Pendler pünktlich zur ihren Arbeitsplätzen müssen, also werden sie grundsätzlich (kurzfristig) Fahrscheine unabhängig vom Preis kaufen.
Die Preiselastizität würde wie folgt berechnet werden:
Alter Preis = 60 Euro
Neuer Preis = 90 Euro
-> Erhöhung des Preises = 50 %
Verkaufte Fahrscheine alter Preis = 10
Verkaufte Fahrscheine neuer Preis = )
-> Verringerung der Menge = 10 %
Preiselastizität der Nachfrage (PED) = Änderung der Menge in Prozent / Änderung des Preises in Prozent
PED = 10 % / 50 %
PED = 0,2
Nebenverkehrszeiten: elastische Nachfrage
Zu Nebenverkehrszeiten sind die Preise elastischer. Eine elastische Nachfrage bedeutet in diesem Zusammenhang, dass eine Änderung des Preises eine große Änderung der Nachfrage zur Folge hat.
Die elastische Nachfragefunktion würde in etwa so aussehen:
Wie man klar erkennt, hat eine kleine Preisänderung (P alt zu P neu) eine große Mengenänderung (M alt zu M neu) zur Folge. Ursache dafür ist, dass außerhalb von Hauptverkehrszeiten der Bedarf geringer ist. In diesem Zusammenhang würde der Nachfrager versuchen zu einer anderen Beförderungsart (Substituierung) zu wechseln oder auf die Reise sogar ganz verzichten.
Die Preiselastizität würde wie folgt berechnet werden:
Alter Preis = 60 Euro
Neuer Preis = 90 Euro
-> Erhöhung des Preises = 50 %
Verkaufte Fahrscheine alter Preis = 10
Verkaufte Fahrscheine neuer Preis = 4
-> Verringerung der Menge = 60 %
Preiselastizität der Nachfrage (PED) = Änderung der Menge in Prozent / Änderung des Preises in Prozent
PED = 60 % / 50 %
PED = 1,2
Was beeinflusst die Preiselastizität der Nachfrage im Verkehr?
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Verfügbarkeit von Substitutionsgütern
Gibt es viele Substitutionsgüter /alternative Beförderungsarten ist die Nachfrage elastischer, da Nachfrager zu günstigeren Alternativen wechseln können. Gibt es dagegen kaum Ausweichmöglichkeiten die günstiger sind, ist die Nachfrage eher unelastisch und die Person wird beim Fahrschein bleiben.
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Anteil des verfügbaren Einkommens für Mobilität
Die Preiselastizität der Nachfrage ist abhängig vom Budgetanteil für Mobilität der jeweiligen Person. Wenn Ausgaben für Mobilität einen großen Anteil am Budget ausmachen, wird die Nachfrage eher elastisch sein. Kleinere Preisänderungen hätten eine größere Mengenänderung zur Folge.
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Zeitlicher Horizont
Um so länger die zeitliche Betrachtung einer Preisänderung, desto abhängiger wird die nachgefragte Menge vom Preis. Auf kurzfristige Preisänderungen haben Nachfrager kaum eine Möglichkeit zur Substitution, die Nachfrage ist dort unelastisch. Um so länger die Preisänderung besteht, desto höher ist die Substitutionswahrscheinlichkeit.
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Entfernung
Um so kürzer die Wegstrecke, desto eher wird substituiert. Gerade in räumlich kleinen Städten mit einem Straßenbahnnetz und vielen Haltestellen im kurzen Abstand , bietet der Fußverkehr oder die Nutzung von Fahrrad / E-Bike eine günstigere Alternative bei einer Tariferhöhung.
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Verfügbarkeit von Substitutionsgütern
Gibt es viele Alternativen zum Fahrscheinerwerb, ist die Preiselastizität elastischer werden günstigere Alternativen gewählt.Gibt es dagegen weniger Alternativen ist die Preiselastizität unelastischer und es bleibt beim ÖPNV-Fahrschein.
Bedeutung für Tarifentscheidungen
Tarifentscheidungen beeinflussen sowohl die Einnahmen der Verkehrsunternehmen als auch die Zuschüsse der Aufgabenträger. Eine fundierte Analyse der Preiselastizität ist daher unverzichtbar, um Fehlentscheidungen zu vermeiden.
Unelastische Nachfrage: Tariferhöhung steigert Umsatz
Bei unelastischer Nachfrage führt eine Tariferhöhung kurzfristig zu höheren Einnahmen, da die Nachfrage kaum sinkt.
Elastische Nachfrage: Tarifsenkung steigert Umsatz
Bei elastischer Nachfrage kann eine Preissenkung zu mehr Umsatz führen, weil die Nachfrage überproportional steigt.
Datenbasis im Unternehmen
Tarifentscheidungen müssen auf einer belastbaren Datengrundlage beruhen. Verkehrsunternehmen sollten regelmäßig analysieren:
Pendlerströme
Nachfrage je Linie und Tageszeit
Auslastung
Alternativen im Einzugsgebiet
Preiselastizität im ländlichen Raum
Im ländlichen Raum ist die Nachfrage häufig elastisch, da:
das Angebot dünn ist
Verbindungen unattraktiv lang sind
Pendeln oft nicht möglich ist
Alternativen (Auto) dominieren
Tariferhöhungen führen hier meist zu Nachfrage- und Umsatzrückgängen.
Welche Alternativen gibt es zu Tariferhöhungen?
Preiserhöhungen sind kein geeignetes Mittel zur Finanzierung des ÖPNV. Stattdessen sollten Verkehrsunternehmen und Aufgabenträger:
das Angebot verbessern
Takte verdichten
Linien ausbauen
Pendlerbeziehungen stärken
Gerade in Nordhausen zeigt sich: Mehr Angebot führt zu mehr Fahrgästen — nicht höhere Preise.
Tariferhöhungen wirken im ÖPNV je nach Kontext sehr unterschiedlich. Während sie in Hauptverkehrszeiten kurzfristig zu höheren Einnahmen führen können, verursachen sie im ländlichen Raum und in Nebenverkehrszeiten oft Nachfrage- und Umsatzrückgänge. Eine nachhaltige Mobilitätsstrategie setzt daher auf Angebotsausbau statt Preiserhöhungen — insbesondere dort, wo die größten Pendlerströme bestehen.